15.12.2014
Liebe Frau Overgoor, liebe Frau Schwarze,
In diesem Jahr hatten Jule und ich einen besonderen Schutzengel. Denn wir haben einen Horrorunfall überlebt und ich glaube fest daran, dass wir beide einen Schutzengel haben. Jule hätte tot sein können und ist so zum zweiten Mal knapp dem Tod entronnen. Beim ersten Mal, liebe Frau Schwarze, waren Sie es, die mein Julchen vor dem Tod gerettet haben. Und beim zweiten Mal muss wohl ein besonderer Schutzengel dafür gesorgt haben, dass sie noch lebt.
 
Nämlich: Auf unserer Fahrt in die Ferien kam es auf der Autobahn hinter Freiburg im Breisgau zu einem sehr schweren Auffahrunfall und einer Massenkarambolage. Ein Kleinlaster fuhr ungebremst an einem Stauende auf mein Fahrzeug und schleuderte es in vier weitere Autos hinein. Am Ende war die hintere  Ladefläche meines Autos plattgedrückt bis zur Heckscheibe. Vorne war auch alles platt. Ich konnte aber aussteigen und nahm Jule, die in einem Brustgeschirr auf dem Rücksitz am Gurt gesichert war, an der Leine mit raus, denn der Motor qualmte wie verrückt. Aus Panik hat sich Jule rückwärst aus dem Geschirr rausgezogen und rannte über die Autobahn davon. Ich fand sie im Mittelstreifen zwischen den beiden Fahrbahnen und bin auf dem Bauch unter der Leitplanke durchgekrochen und konnte sie fassen und in Sicherheit bringen. Da ich mich im ersten Moment unverletzt fühlte und wir nach Stunden endlich zu einer Autovermietung gebracht wurden, fuhr ich mit einem Leihwagen zurück nach Aarau und direkt in die Tierklinik. Julchen hatte eine Herzquetschung, verursacht durch die Kraft des Aufpralls, die das Brustgeschirr fest um ihren Brustkorb gedrückt hat. Aber: Wäre sie, wie es viele Hundebesitzer tun, hinten auf der Ladefläche in einem Metallkäfig gewesen, dann wäre sie tot. Denn es gab im hinteren Bereich des Autos nichts mehr, das nicht zerquetscht war.

Deshalb möchte ich einen Aufruf starten: Liebe Hundefreund/innen: Autos haben Knautschzonen, die bei den heutigen Modellen dafür sorgen, dass der Fahrgastraum meist erhalten bleibt, nicht aber die Ladefläche oder der Kofferraum. Es gibt gute Geschirre, die man am Sicherheitsgurt befestigen kann auf dem Rücksitz. In Julchens Fall hat das ihr Leben gerettet. Mettallkäfige hinten im Auto haben keine Knautschzonen. Es war mir nicht bewusst, dass das so ist. Wenn ich lange autofahre mit meinem Hund, sass sie vor Allem deshalb auf dem Rücksitz, damit ich sie im Rückspiegel im Auge haben kann, zum Sehen, wann sie Durst hat oder mal muss und einfach, um ein bisschen mit ihr zu plaudern.

Inzwischen ist die Herzquetschung ( man kann sich das vorstellen, wie einen Herzinfarkt, da der Herzmuskel kurzfristig nicht mit Blut versorgt ist), verheilt. Ein Ultraschall und EKG haben gezeigt, dass sie wieder voll leistungsfähig ist. Bei mir habe ich erst nachdem Jule versorgt war, gemerkt, dass drei Rippen gebrochen sind und ein Schleudertrauma macht mir noch ein bisschen zu schaffen, aber gemessen daran, dass wir leben, ist das wirklich nicht schlimm.

Das letzte Jahr: Julchen hat alles gelernt, was das Zusammenleben mit Menschen und das Laufen in der Natur für uns beide einfach und für sie und mich vergnüglich  macht. Sie ist ziemlich intelligent, finde ich. Aber die zwei Jahre hat es gebraucht, um ihr eine Grundsicherheit zurückzugeben. Ich möchte nicht wissen, was sie in ihrem Vorleben durchgemacht hat. Denn es gibt immer noch Situationen, in denen sie völlig unvorhersehbar die Zähne zeigt oder sogar schnappt. Inzwischen habe ich aber realisiert, dass viele Menschen nicht besonders respektvoll mit Hunden umgehen und die Zeichen nicht spüren, wann es dem Hund zu eng wird. Davor schütze ich sie dann.

Alles in Allem: meine Kleine mag ich nicht mehr missen. Wir sind ein besonders schönes Team. Und da wäre noch zu berichten, dass Jule meinen Kater Leo sehr geliebt hat. Der Kater war schon 12, als Jule kam. Im Juni ist er gestorben an Krebs. Und in der ganzen Zeit, als es ihm schlecht ging, lag Jule immer neben ihm. Obwohl sie ein Irrwisch ist und eigentlich immer überaktiv. Das hat mich sehr berührt.

Und nun wünsche ich Ihnen beiden schöne Weihnachten und bedanke mich nochmals dafür, dass ich diesen Liebling meines Herzens bei Ihnen finden durfte, denn ohne Sie wäre Julchen ja nicht bei mir. Ihre Barbara W.
                                                                                                                                                                     09.02.2013
Inzwischen sind meine Enkel ihre besten Freunde. Jule geht es sehr gut- Wir versuchen aber noch ihre Ängste zu beschwichtigen. Sie mag nur unter der Schnauze am Hals gekrault werden. Pfötchen abtrocknen bei dem jetzigen Mistwetter ist eher ein Problem für sie. Sie geht aber schon ohne Leine, kommt auf Zuruf und lernt jeden Tag, mehr zu vertrauen. Am Bach hat sie sich einen ‚Arbeitsplatz’ gesucht und holt alles, was schwimmt, aus dem Wasser. Wahrscheinlich doch ein Wasserhund. Wir lieben sie. Und unsere Freunde und ihre Hunde lieben sie auch. Jule ist ein prima Kamerad von meinem Kater Leo, der eigentlich keine Hunde mochte. Aber sie hat ihm beigebracht, dass er keine Angst haben muss. Jeden Tag bringt sie ihm ihren Ball und möchte spielen. Aber Leo ist halt ein alter Kater und kuckt nur wohlwollend, ihr Temperament kann er nicht so verstehen. Jules Frauchen, also ich, hat 15 Kilo abgenommen, denn täglich sind wir zwei Mal anderthalb Stunden unterwegs.
 
Trotz meines Schrecks am Anfang, weil Jule nur geknurrt und gebissen hat, besonders bei Kindern, möchte ich allen Menschen Mut machen, die sich die Zeit und die Geduld erlauben können, ein traumatisiertes Tier aufzunehmen. Ich hatte am Anfang Angst, ob ich so viel Mut und Kraft habe, als sie doch eher unzumutbar schien für die Familie. Doch wer erlebt, wie sich der Hund mit der Zeit entspannt und wer sich mit ihm beschäftigt, freut sich über jeden Fortschritt und über jedes gegenseitige Vertrauen. – Den obligatorische Hundekurs haben wir jetzt natürlich schon hinter uns und das reicht natürlich nicht. Wegen Jules Temperament und Beschäftigungsdrang suchen wir jetzt nach gemeinsamen Aufgaben. Eigentlich wollte ich ja eine Ausbildung mit ihr machen als Therapiehund, aber das müssen wir noch mal überlegen. So sicher im Vertrauen zu Menschen ist sie noch nicht. Hingegen ist ihr Spürsinn total ausgeprägt. Und da ich keine Enten jage, was eigentlich genetisch beim Wasserhündchen angelegt wäre, weil er sie dann zurückbringt, habe ich mir überlegt, ob wir zusammen eine Ausbildung als Trüffelsucher machen werden. Man muss zusammen mit dem Hund flexibel werden. Und da ich ein Gourmet bin, wäre das doch eine prima Alternative.
 
Trotzdem, obwohl alles bisher so gut gegangen ist, möchte ich allen Hundefreundinnen und Hunderettern sagen: Macht es nicht aus einem Gefühl heraus, das wir alle aus der Tierliebe zu kennen glauben. Es ist echt Arbeit, man muss sich zurückstellen, sein Leben dem Tier widmen, nachts um die Häuser ziehen, wenn es am Anfang Durchfall hat, einem spanischen Hündchen die ersten Umgangsregeln begreiflich machen-  Und man muss genügend Selbstsicherheit haben, um im Familien- und Freundeskreis um Vertrauen für den Hund zu werben und das auch mit und für den Hund aufzubauen. Also es braucht viel Kraft und Zuwendung und in der heutigen, nicht gerade hundefreundlichen Gesellschaft, auch einige Verteitigungsbereitschaft, dass ein Hund noch frei laufen darf, obwohl die Kampf-Mountainbiker, die im Wald aus dem Nichts auftauchen, viel gefährlicher sind für Menschen und alle anderen Tiere.
 
Ich bedanke mich mit vielen lieben Grüssen bei der Rettungsstation, die meine Jule vor dem Tod bewahrt hat. Nicht nur Jule und ich, sondern mit uns zusammen sind ganz viele Menschen und Hunde und auch Kater Leo glücklich, dass sie bei uns ist. Aber besonders in ihrem Auftrag, falls sie das sagen könnte: Vielen Dank für das neue Leben, und in meinen Worten; Danke  an beide Retterinnen in Lanzarote und hier in der Schweiz. –
Barbara Wellner mit Jule, Kater Leo und Familie